Was steckt drin in der Wirtschaftspsychologie? Wer darf sich Wirtschaftspsychologe nennen?

 

Die Debatte um die Titelführung „Wirtschaftspsychologie“ ist um eine weitere Rechtsentscheidung reicher, aber leider nicht klarer geworden.

In einem Gerichtsurteil (Az. 17HK O 19533/15) ist einem bayrischen Hochschulprofessor unter Strafandrohung verboten worden, zukünftig die Berufsbezeichnung Wirtschaftspsychologe zu nutzen. Tatsächlich verfügt der betroffene Hochschuldozent nicht über eine vergleichbare, umfassende wirtschaftspsychologische Ausbildung wie z.B. unsere Hochschulabsolventen im Bachelor oder Master. So weit so gut könnte man sagen.

Leider schafft die Formulierung der Urteilsbegründung jedoch starke Verunsicherung, da die sie vollständig den gelieferten Begründungen des klagenden BDP folgt, dass sich nur Wirtschaftspsychologe nennen dürfe, wer Psychologie im Bachelor UND Master studiert hat. Dieses Verständnis impliziert die Auslegung, dass nur ein universitäres Psychologiestudium (der BDP nennt es in seiner Pressemitteilung mehrdeutig „Hauptfach“; BDP, 2016), die Titelführung rechtfertigt.

Absolventen der Wirtschaftspsychologie dürften sich paradoxerweise dann nicht Wirtschaftspsychologen nennen, da sie ja nicht Psychologie, sondern die spezialisierte Wirtschaftspsychologie studiert haben. Fragen wirft auch die in der Urteilsbegründung verwendete „UND“ Verknüpfung von Bachelor und Master auf. Gemäß der Intention der Bologna-Reformen sollen Bachelorstudiengänge berufsqualifizierend sein, d.h. ein Bachelorstudiengang in Wirtschaftspsychologie ist bewusst so konzipiert, dass er zu einer Berufstätigkeit im wirtschaftspsychologischen Berufsfeld befähigt. Wenn sich die Absolventen dieser Bachelor-Studiengänge nun nicht Wirtschaftspsychologen nennen dürfen, widerspricht dies den Intentionen des Bologna-Prozesses und schafft für die Absolventen eine unklare Situation. Selbstredend sind die Absolventen berechtigt, den Abschlusstitel ihres Studiengangs (Wirtschaftspsychologie B.Sc. oder B.A.) zu führen. Aber wie soll dann ihre entsprechende Berufsbezeichnung lauten? Dass der Abschluss eines akkreditierten, berufsbefähigenden Bachelorstudiengangs in Wirtschaftspsychologie nicht zum Führen der Berufsbezeichnung Wirtschaftspsychologe berechtigen sollte, erscheint nicht wirklich nachvollziehbar!

Sicherlich war den am Urteil befassten Richtern diese Problematik bei der Formulierung ihrer Urteilsbegründung nicht bewusst, und für das getroffene Urteil ist dieser Hintergrund auch nicht relevant. Problematisch sind aus unserer Sicht jedoch die Publikationen aus der Urteilsbegründung durch den BDP und seiner Publikationsorgane (Wirtschaftspsychologie aktuell), die den Eindruck vermitteln könnten, es sei ein generalisierendes Urteil über die Titelführung im Bereich der Wirtschaftspsychologie getroffen worden. Dies ist nicht der Fall: Die Landgerichtsentscheidung in München ist eine Einzelfallprüfung einer personenbezogenen Klage und hat keinen generalisierenden Anspruch.

Nun ist es an der Zeit, Klarheit über die Berechtigung zur Titelführung für Wirtschaftspsychologie-Absolventen zu schaffen. Aus unserer Perspektive sollten sich Absolventen akkreditierter berufsbefähigender Wirtschaftspsychologie-Studiengänge konsequenterweise auch Wirtschaftspsychologen nennen dürfen. Dies erfordert jedoch eine strenge Qualitätssicherung im Bereich der Akkreditierung: Wo Wirtschaftspsychologie drauf steht, sollte auch Wirtschaftspsychologie drin sein. Hierbei sind Empfehlungen für die Akkreditierungsagenturen hilfreich, um Akkreditierern eine Handreichung geben zu können, welche Mindeststandards für die Vergabe der Studiengangsbezeichnung „Wirtschaftspsychologie“ erfüllt sein sollten.

Die Erarbeitung solcher Mindeststandards ist ein zentrales Anliegen der GWPs. Daher haben wir uns an einem Oktoberwochenende in einem Expertengremium der GWPs (Studiengangsleitungen und Lehrende der Wirtschaftspsychologie) getroffen und eine Empfehlung für Mindeststudieninhalte in Bachelor-Studiengängen der Wirtschaftspsychologie verabschiedet. Diese umfasst neben der Kernaussage, dass mehr als 50 Prozent der Curriculumsinhalte des Studiengangs psychologische Inhalte sein müssen, auch einen Mindeststandard an wirtschaftlichen Grundlagen und wirtschaftspsychologischen Anwendungsfächern. Diese Anforderungen sind in den meisten Wirtschaftspsychologie-Bachelorstudiengängen erfüllt.

Im Unterschied dazu haben universitäre Ausbildungen in der Psychologie gar nicht den Anspruch, bereits im Bachelor diese Anforderungen zu erfüllen (Abele-Brehm et al., 2014; Margraf, 2015), wodurch sich starke Unterschiede in der Berufsbefähigung von Bachelor-Absolventen der Wirtschaftspsychologie und der Psychologie ergeben. Gemäß der Intention der Bologna-Reform wurden Wirtschaftspsychologie-Studiengänge bereits im Bachelor bewusst als berufsqualifizierend konzipiert. Unsere erfolgreichen Absolventen eines akkreditierten wirtschaftspsychologischen Bachelor-Studiums sollten sich daher konsequenterweise auch als „Wirtschaftspsycholog/in/e“ bezeichnen dürfen.

Wir stehen also weiterhin zur Aussage, dass unsere Absolventen sich Wirtschaftspsychologe/In nennen dürfen. Zitieren Sie uns gerne in dieser Weise. Selbstverständlich wollen wir die Qualität in der wissenschaftlichen Ausbildung sicherstellen. Dafür setzen wir uns in der GWPs aktiv ein, so zum Beispiel durch die Entwicklung von Empfehlungen für Curricula und das Angebot der Unterstützung der Akkreditierungsgesellschaften. Wir bleiben dran. Wir werden weiterhin Stimmen von Behörden, Ministerien und aus der Politik zur Titelführung einholen. Diesbezüglich liegen uns schon Meinungen vor, die uns in unserer Auffassung bestätigen.

Schreiben Sie uns Ihre Meinung. Nehmen Sie Stellung! Vielleicht ist ja unsere XING-Gruppe ein geeignetes Medium. Wir freuen uns auf Ihr Feedback.


Für den Vorstand

Christian Dries

 


Quellenhinweise:

  • BDP (2016). Psychologe ist nur, wer Psychologie mit Bachelor und Master studiert hat (Pressemitteilung Nr. 12/16, 27. Oktober 2016). Verfügbar unter: http://bdp-verband.org/bdp/presse/2016/12_titelschutz.html [03.12.2016].

  • Margraf, J. (2015). Zur Lage der Psychologie. Psychologische Rundschau, 66 (1), 1-30. Göttingen: Hogrefe.

  • Abele-Brehm, A., Bühner, M., Deutsch, R., Erdfelder, E., Fydrich, T., Gollwitzer, M., Heinrichs, M., König, C., Spinath, B., Vaterrodt, B. & Heinke-Becker, J. (2014). Bericht der Kommission „Studium und Lehre“ der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Psychologische Rundschau, 65 (4), 230-235. Göttingen: Hogrefe.

 

 


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